die_erste_geschichte 

Zurück

 

 

Ein kalter Tag im Februar des Jahres 1953 war es, der mein Leben veränderte. Ich war damals 9 Jahre alt, wohnte mit meinen Eltern und meinem jüngeren Bruder in einem kleinen Dorf in der Lüneburger Heide. In unserem Ort gab es zwei Badeteiche, die im Winter das reinste Rodelparadies für uns die Kinder waren.
Mein Bruder hatte damals Schlittschuhe geschenkt bekommen, von einer Familie, deren erwachsene Tochter vor einiger Zeit zum Studium nach Stralsund gezogen war. Mir schenkten sie eine Schachtel voller Puppenstubenmöbel, und ich erinnere mich noch gut, wie glücklich ich war über diese wunderschönen kleinen handgefertigten, zum Teil geschnitzten Stühle und Kommoden mit winzigen Details.
Zur damaligen Zeit Schlittschuhe zu besitzen, war richtiger Luxus, und wir konnten es kaum erwarten, sie auszuprobieren.
Sonntag Morgen rannten mein Bruder und ich durch den kleinen Park in Richtung Hubertusteich, dem größeren der beiden Teiche.
Es war noch sehr früh, wir wollten mit die ersten sein, damit wir wenigstens für kurze Zeit den zugefrorenen Teich für uns hatten, um ungehindert über die Eisfläche schlittern zu können.
 Als wir dort ankamen, waren außer uns nur zwei Frühaufsteher da, die am anderen Ende des Teiches mit Stöcken und irgendeinem blechernen Gegenstand Hockey spielten. Mein Bruder setzte sich an den Rand auf das gefrorene Gras, und war eine Weile damit beschäftigt, sich die Schlittschuhe an die Füße zu schnüren. Während ich wie wild den Schnee vom Teich rutschte, erst durch bloßes Schlittern, was mir dann zu langsam ging, sodass ich mich schließlich längelang auf die Eisfläche warf, um so schnell wie möglich so viel Schnee wie möglich wegzuwischen, denn nachdem es in den frühen Morgenstunden zu schneien begonnen hatte, war die Eisfläche alles andere als schlittschuhtauglich. Mittlerweile sah ich aus wie ein Schneemann mit Pudelmütze. Zum Glück war es Pulverschnee, der sich leicht wegschieben ließ.
Als mein Bruder auf mich zugewankt kam, keuchte er, so schwer habe er es sich nicht vorgestellt auf den Dingern, und schon knickte er mit dem einen Bein so weit ein, dass er hinfiel.
Er hatte die Schnüre nicht fest genug gemacht. Nachdem ich ihm die Schlittschuhe erneut um seine verbeulten Stiefelchen geschnürt hatte, knickte er auch nicht mehr um.
 Er rutschte los, erst ganz vorsichtig, indem er immer nur den einen Fuß auf dem Eis lassend, und den anderen zum Schwung holen benutzte. Die Technik hatte er komplett vom Roller fahren übernommen, was recht niedlich aussah, aber mit unseren Einskunstlauflaufvorbildern, die wir im Kino in der Wochenschau gesehen hatten, wenig Ähnlichkeit hatte.
Schließlich schob ich ihn an den Ellbogen übers Eis, dann sagte ich, er solle sich am Gürtel meines Mantels festhalten, sodass ich ihn übers Eis ziehen konnte. Als er anfing, mich anzutreiben, und ich schwitzte, zog ich meinen Mantel aus, rannte fort und sah ihn kurz darauf mitsamt dem Mantel ohne Inhalt aufs Eis fallen. Er lag da wie ein Maikäfer, die schweren Schlittschuhe ungelenk an den völlig verdrehten Beinen. Zugegeben, die
Schlittschuhe waren noch um einiges zu groß für ihn, sodass man eigentlich ein weiteres Loch in die Riemchen stanzen müsste, um ausreichend Halt rein zu bekommen.
Mittlerweile waren mehrere Kinder da, darunter auch zwei seiner Klassenkameraden, vor denen er sich wohl nicht so ungeschickt zeigen wollte, sodass er seine Füße im Handumdrehen von den Schlittschuhen befreit hatte, um so ungehindert und ausgelassen zu toben.
Ich nahm Mantel und Schlittschuhe und ging zum Rand, um sie mir anzuziehen.


Inzwischen war die Eisfläche gut besucht, Kinder mit Schlitten schepperten an mir vorbei, als ob man heute den letzten Wintertag ausgerufen hätte.
Ein bisschen unsicher stand ich auf, zog meinen Mantel wieder an, und versuchte mich mittels der Kufen unter den Füßen einigermaßen unauffällig nach vorne zu schieben. In der Hoffnung, dass mich keiner beobachtete bei meinen ersten Versuchen auf Schlittschuhen. Jetzt war es schon nicht mehr so leicht, meinen Bruder unter den vielen Kindern ausfindig zu machen.
Aber da war er auch schon, er rutschte mir entgegen, kam kurz vor meinen Füßen zum Halten und schlug mit dem Kopf gegen eine meiner Kufen. Es muss wehgetan haben, denn er war kurz ganz ruhig, und es zuckte um seinen Mund, aber schnell fing er sich wieder, richtete sich auf und rannte los.
Das Eis war unter dem frisch gefallenen Schnee spiegelglatt. Er rannte, ließ sich auf die Knie fallen und schlitterte auf die Teichmitte zu.
Mir schien er jetzt zu aufgedreht, und ich rief ihn zurück, um ihn so langsam ans Heimgehen zu erinnern. Ich wusste, dass er in diesem Stadium von Übermut schwer zu bändigen war.
Als ich um mich her aufgeschreckte Rufe, wie “es splittert“ oder „es bricht“ hörte, bekam ich eine plötzliche Angst, und mir fiel in Bruchteilen von Sekunden die oftmals von den Erwachsenen ausgesprochene Gefahr über die Mitte des Teiches ein, die wohl selbst bei länger anhaltendem Frost dünnere Stellen aufwies.
Ich hielt es für besser, die Schlittschuhe abzutun und suchte mit den Augen nach meinem Bruder, als ich plötzlich einen Schrei hörte.
Im selben Moment war mir wohl klar, was passieren würde. Ich rief seinen Namen, er drehte sich zu mir um, war aber noch gut zwanzig Meter von mir entfernt. So schnell ich konnte, rannte ich ihm entgegen. Nur noch wenige Meter von mir stak er mit einem Bein bereits im eiskalten Wasser. Wie viele Menschen sich auf der Eisfläche befanden, kann ich nicht sagen, ich sah nur noch ihn, sein vor Schreck kalkweißes Gesichtchen, das mir entgegenschrie.
 In der Mitte des Sees war das Eis dünner und an der Stelle, an der ich mich jetzt befand, hatte es bereits Bruchstellen. Ich war so an die zehn Meter von ihm entfernt, als ich mich flach auf den Bauch legte, und ihm mit heiserer Stimme zurief, er solle nicht zappeln, sondern ganz ruhig bleiben. Aber er konnte es nicht hören. Meine Stimme funktionierte nicht mehr, es schrie nur in mir drin. Als ich mich auf zwei Meter an ihn herangetastet hatte, war nur noch sein Arm zu sehen, mit dem er aus dem Wasser heraus mir zuzuwinken schien.
Das Eis unter mit knirschte, ich sah seinen Kopf, seinen kleinen Körper, der unter mir und der Eisfläche schwamm. Seine Haare wirkten viel länger als sie waren. Ich hämmerte erst mit meinen Händen auf das Eis ein. Ich versuchte mit meiner Stirn, es zum schmelzen zu bringen, oder vielleicht schlug ich auch mit dem Kopf auf das Eis, ich weiß es nicht mehr.

Noch am selben Tag hat man ihn aus dem Teich geborgen. Er ist nicht sehr weit von dem Eisloch, in dem er eingebrochen ist, an einer Baumwurzel hängen geblieben. Der Baum war im Teich festgefroren. Die Kapuze seines Anoraks hatte sich an einem Ast oder der Wurzel des Baumes festgehakt, so wurde mir später erzählt. Ansonsten hätte es möglicherweise Tage oder Wochen gedauert, bis man den Leichnam in dem doch recht großen Teich ausfindig gemacht hätte.
Nie mehr bin ich auch nur in die Nähe des Teiches gegangen. Einerseits war es mein schlechtes Gewissen und meine Schuldgefühle, die mich davon abhielten, diesen furchtbaren Ort wieder aufzusuchen. Meine Mutter hatte mir erzählt, dass er nur einen Stiefel anhatte, den zweiten muss er bei seinem Todeskampf verloren haben. Der Gedanke, dass dieser Stiefel irgendwann doch wieder an die Oberfläche kommen könnte, obwohl das eher unwahrscheinlich war, was ich aber damals noch nicht wissen konnte, und ich diesen Stiefel dort eines Tages am Uferrand liegen sehen würde, war ein weiterer Grund, nie mehr durch diesen Park zu gehen.
Immer wieder habe ich mich gefragt, ob ich damals hätte hinterher springen sollen. Warum ich es nicht tat, kann ich nicht sagen. Es hätte mit Sicherheit nichts gebracht, außer, dass wir beide tot wären. Aber so bin wenigstens ich meinen Eltern noch geblieben. Das sage ich nicht für mich, nur für meine Eltern. Denn immer wenn ich darüber nachgedacht habe, war mir klar, dass ich lieber damals mit weg gewesen wäre. Denn einen solchen Schmerz auszuhalten, ist sehr sehr schwer.
Es ging sicherlich schnell, dass der Tod bei ihm eintrat, und er hat nicht allzu lange leiden müssen. Auch hat er jetzt seine Ruhe gefunden, das ist alles wahr.
Nur, woran ich damals nicht denken durfte, und was mir den größten Schmerz bereitet hat, ist, wenn ich mir vorstellte, wie gerne er noch gelebt hätte. Das ist der Gedanke, der mich vernichten könnte, der mir am meisten wehtut. Dieses Kind, das an alles andere gedacht hatte, als an diesem Tag sich von einer unbeschwerten schönen kindlichen Welt zu verabschieden. Mit der Unwissenheit seines siebenjährigen Lebens ist er früh aus dem Haus getollt, um nie mehr dahin zurückzukehren. Wo geht der Schmerz hin, den dieser kleine Mensch kurz vor der Gewissheit seines Todes um sich verströmt....?
Fast dreißig Jahre später war ich soweit, dass ich zum ersten Mal mit jemandem darüber sprechen konnte, solange hatten meine Schuldgefühle mich davon abgehalten.
Eine Freundin riet mir, es aufzuschreiben, was hieß, mich noch einmal Stück für Stück so gut es ging an Einzelheiten zu erinnern, was mir arg zusetzte, aber schließlich heilsamer war als ich mir vorstellen konnte. Ich hatte mich sozusagen noch einmal vollkommen in diese Zeit zurückversetzt, mich mit dem damals namenlosen Schmerz konfrontiert, um somit endgültig meine Schuldgefühle, die mir so ganz doch keiner nehmen kann, wenigstens abzumildern, und von meinem Bruder Abschied zu nehmen, was mir selbst bis dahin nicht vollends gelungen war.
Bemerkenswert fand ich, wie viel Einzelheiten einem beim Erzählen oder Schreiben wieder einfallen, und plötzlich tun sie auch nicht mehr so weh. Das schafft allein das Gefühl, jemand interessiert sich dafür, was in einem vor sich geht. Man minimiert den Schmerz - wenigstens etwas - dadurch, indem man ihn weitergibt.





















 

Kostenlose Webseite von Beepworld
 
Verantwortlich für den Inhalt dieser Seite ist ausschließlich der
Autor dieser Homepage, kontaktierbar über dieses Formular!